Das Dach

»Altneues« Dach

»Anno 1904/05 – Mit Gott erbaut von Heinrich Wiegmann u. Louise Wiegmann geb. Dröge – Renoviert Edelgard Hesse 2014.« So steht es in goldenen Frakturlettern im Fachwerk des alten Hauses. Dazwischen liegt die Ernennung zum Denkmalschutzobjekt 1995 und 2012 der Entschluss der Urenkelin der Erbauer, Dach und Fassade zu sanieren. Zum Einsatz kam der wirtschaftliche Falzziegel »Ratio« mit traditioneller Formgebung im Farbton »Finesse« rot glasiert von Creaton.

Das schicke Haus in dem 75-Einwohner-Weiler Haieshausen, heute zu Einbeck gehörend, wirkt fast wie ein Fremdkörper in der ländlichen Umgebung. Was aussieht wie eine Stadtvilla, war in Wahrheit das Wohnhaus eines landwirtschaftlichen Anwesens, das nachweislich seit dem 17. Jahrhundert in Familienbesitz ist. Beim Rundgang um das weiße Haus mit seinem buntsandsteinroten Bossenquadersockel und den Fachwerkgiebeln fällt auf, dass die Fassade wie neu aussieht. Beim Dach ist das anders. Die straßenabgewandte Seite strahlt ebenfalls wie neu. Die straßenzugewandte Seite allerdings zeigt Dachziegel, denen man die hundertzehn Jahre ansieht, die sie schon auf dem Dach lagen.Dass das alte Dach reif zur Sanierung war, schien offensichtlich. Etliche der originalen rot glasierten Doppelmuldenfalzziegel waren gebrochen oder verrutscht, und stellenweise regnete es durchs Dach. In den Kehlen war teilweise die Kehlziegelverkleidung aus Keramik verloren gegangen, die die Schnittkanten der alten Dachziegel gegen Regeneintrag schützen sollte. Viele der alten Dachziegel waren aber, nicht zuletzt dank der Glasur, immer noch in einem überraschend guten Zustand. Die zuständige Denkmalpflegerin der Unteren Denkmalschutzbehörde entschied daher, bei der Neueindeckung auf die geschätzt 80 % noch verwendbaren Originale zurückzugreifen.
Für die Einbecker Dachdeckermeister Thomas Rieck GmbH bedeutete das, rund 3000 Dachziegel Stück für Stück von Hand auf ihre Wiederverwendbarkeit zu prüfen. Dabei zeigte sich, dass die ursprüngliche Schätzung zu hoch gegriffen war. Nur etwas mehr als
40 % taugten noch zum weiteren Einsatz, wie schon durch den Dachdeckerbetrieb im Vorfeld eingeschätzt.So fiel die Entscheidung der Denkmalpflege, die der Straße zugewandten Teile des Dachs so weit wie möglich mit den Altziegeln wiedereinzudecken, die straßenabgewandte Seite aber mit neuen Ziegeln.
Die neuen Ziegel sollten den alten, rotglasierten Doppelmuldenfalzziegeln möglichst weitgehend gleichen. Von Form und Größe her hätte sich dafür das Ziegelmodell »Rustico« angeboten, das es indessen nicht mit rotglasierter Oberfläche gibt. Daher musste als Alternative auf den rotglasierten Doppelmuldenfalzziegel »Ratio« zurückgegriffen werden, der allerdings als 12er Ziegel geringfügig größer ist als die originalen 14er Ziegel. Er entspricht den Proportionen des Ursprungsziegels »Z1«, dessen überaus harmonische »Doppelmulden-Dachgeometrie« 1879 im Hause Ludowici entwickelt wurde, kombiniert sich aber mit modernen technischen und wirtschaftlichen Pluspunkten. Für die Denkmalpflege war das größere Format kein Problem – auf der Dachfläche ist der Unterschied mit dem Auge kaum wahrzunehmen. Daher förderte sie die Sanierung mit einem Zuschuss.Ein Walmdach als Hauptdach, vier verschieden große Giebel mit Krüppelwalmdächern, vier Schleppgauben, alles keramisch eingedeckt, dazu die Ortgänge der Giebel, die Überdachung der Freitreppe und des Wintergartens, alles in Schiefer ausgeführt – bei dieser vielgestaltigen Dachlandschaft kam keine handwerkliche Langeweile auf. Dazu kam, dass die Dachdeckermeister Thomas Rieck GmbH nicht nur als Dach- und Schieferdecker agieren durfte, sondern auch als Zimmermann und Blechner. Ein Teil des Dachstuhls war reparaturbedürftig, und wo sonst Walmkappen hinkommen, mussten durch die Thomas Rieck GmbH in Handarbeit aus Blech Zierspitzen mit Kugelabschluss geformt werden.
Auf der Dachhälfte mit den Altziegeln wurden die Ziegel neu aufgelegt. Nur die Walmgrate wurden durchgängig mit Creaton-Firstziegeln PH in roter »Finesse«-Glasur ausgeführt. Auf der Dachhälfte mit den neuen Ziegeln kam – ein Kompromiss mit den Regeln des Denkmalschutzes – zwar keine Wärmedeckung zum Einsatz, aber wenigstens eine Unterdeckung. Bei dieser Sanierung erwies sich das große Verschiebespiel des »Ratio« einmal mehr als Vorteil bei der Verarbeitung. HS

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