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Aldra: Eine Traditionsmarke auf der Höhe der Zeit

Der norddeutsche Hersteller Aldra mit Stammsitz in Meldorf gehört zu den traditionsreichsten Fenster- und Türenherstellern des Landes. Als Vollsortimenter produziert der Aldra-Verbund mit vier Betrieben – langfristige, freundschaftliche Kundenbeziehungen sind Bestandteil der Unternehmenskultur. Im Gespräch mit dem baustoffPARTNER erläutert Vertriebsleiter Michael Siegmann, wie das von Jan-Peter Albers in vierter Generation geführte Familienunternehmen mit der digitalen Transformation umgeht und welche Innovationen er in den kommenden Jahren erwartet.

Von Peter Lang

Im Jahr 1888, als der letzte deutsche ­Kaiser Wilhelm II. den Thron bestieg, gründeten der Tischler Ernst Albers und der Zimmerer Wilhelm von Drahten im schleswig-holsteinischen Meldorf ein Unternehmen, das als Bau- und Möbeltischlerei bald zu einer regionalen Größe aufstieg. Immer mehr fokussierte sich das Unternehmen auf die Bereiche Türen und Fenster, vor allem Großaufträge in Hamburg ließen den Betrieb schnell wachsen. 1935 wurde die Marke Aldra (eine Kombination der Anfangsbuchstaben der beiden Gründer) eingetragen. Nach dem 2. Weltkrieg erlebte Aldra dann einen rasanten Aufschwung. Ein Großauftrag für die Fenster einer Hochhaussiedlung in Hamburg bildete den Startschuss. Ein wichtiger Meilenstein, wie der heutige Vertriebsleiter Michael Siegmann betont, war dann die 1952 vereinbarte Kooperation mit dem dänischen Unternehmen Velux. Dieses suchte einen Partner, der in der Lage war, das legendäre Velux-Dachflächenfenster für den deutschen Markt zu produzieren und zu vertreiben. Die Wahl fiel auf das im Hamburger Raum bestens bekannte Unternehmen Aldra. Die Partnerschaft mit ­Velux hielt rund 50 Jahre und wurde erst 2002 beendet.

»Unsere Kunden gehören bei Aldra zur Familie. Das ist eine sehr zugewandte, gewachsene Beziehung.« Michael Siegmann Aldra-Vertriebsleiter

Langjährige Geschäftsbeziehungen gehören zum Markenkern von Aldra, wie Vertriebsleiter Michael Siegmann betont. Was für Velux galt, gilt umso mehr für die rund 800 Kunden, in erster Linie Tischlereien und Bauelementehändler. Seit gut 20 Jahren fahre man bei Aldra eine konsequente B2B-Strategie, so Siegmann. »Und unsere Kunden gehören bei uns zur Familie. Das ist eine sehr zugewandte, gewachsene Beziehung», unterstreicht der Vertriebsleiter. Auch auf Lieferantenseite setzt Aldra auf Kontinuität. Die Kooperation mit Kömmerling, deren Profile Aldra verarbeitet, besteht seit den 1980er-Jahren, auch mit dem Beschlägehersteller Siegenia pflegt Aldra eine langjährige Partnerschaft.


Mit Holz zum Vollsortimenter

Seit einigen Jahren kann sich Aldra als Vollsortimenter im Fenster- und Haustürenbereich positionieren. Nachdem man lange keine Holzfenster mehr im Sortiment hatte, kam der Wunsch aus der Händlerschaft, diesen Werkstoff wieder anzubieten, so ­Michael Siegmann. Mit der Übernahme der niedersächsischen Firma Winter Holzbau im Jahr 2016 konnte Aldra diese Lücke schließen. Der in Norddeutschland bekannte Qualitätshersteller für Holzfenster- und -türen firmiert inzwischen als Ewi­therm Holzbau GmbH. Seit 2020 können auch FSC- und PEFC-zertifizierte Produkte angeboten werden.

Ewitherm ist aktuell eine von vier Betrieben im Aldra-Verbund. Neben dem Stammsitz in Meldorf, wo alle Kunststoffprodukte gefertigt werden, und der in Nordrhein-Westfalen ansässigen Marler Fensterbau GmbH (ebenfalls Kunststoff) produziert die MG Metallbau GmbH in Gadebusch (Mecklenburg-Vorpommern) Fenster und Türen aus Aluminium. »Wir bilden dadurch ein Vollsortiment aus Fenstern und Haustüren mit Kunststoff, Holz und Aluminium ab», beschreibt Michael Siegmann. Die ­Aldra-Kunden können dadurch alles aus einer Hand beziehen: »Jeder Kunde hat eine Preisliste, einen Ansprechpartner im Außendienst, einen im Innendienst und wird von einem Lkw mit dem ganzen Sortiment beliefert«, so Siegmann. Das schaffe nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern vor allem empathische Vorteile in Form einer höheren Kundenbindung.

Dieses empathische Element habe sich vor allem auch in der Pandemie bewährt. Denn auch Aldra musste sich mit deutlichen Preissteigerungen praktisch aller Baustoffe, insbesondere Holz, auseinandersetzen. Zeitweise sei auch die Lieferfähigkeit eingeschränkt gewesen, so Siegmann, weil bestimmte Holzarten oder elektronische Bauteile gefehlt hätten.

Trotzdem blickt man in Meldorf auf ein positives Geschäftsjahr 2021 zurück. Mit 120 000 verkauften ­Fenstern und 12 000 verkauften Haustüren habe man den Umsatz auf deutlich über 60 Mio. ­Euro steigern können, so Vertriebsleiter Michael Siegmann. Dabei liege der Anteil von Kunststoff bei 80 Prozent, Holz bei 15 Prozent und die restlichen 5 Prozent entfallen auf den Werkstoff Aluminium. Ein Trendprodukt sind laut ­Siegmann Holz-Aluminium-Fenster, die bereits 15 ­Prozent im Bereich Holz ausmachen. Das Vertriebsgebiet von Aldra erstreckt sich, bedingt durch die Produktionsstandorte, insbesondere über den Norden und Westen Deutschlands sowie Teile von Benelux. ­»Damit schöpfen wir unsere Kapazitäten perfekt aus und können unseren Kunden konstant gute Leistungen anbieten«, erläutert Michael Siegmann.

Effizienter arbeiten mit »Mein Aldra«

Immer wichtiger wird im direkten Kundenkontakt das Thema Digitalisierung. Während man in Meldorf die papierlose Fertigung schon seit 2009 umgesetzt und die interne Organisation inzwischen komplett digitalisiert habe, können die Kunden mittlerweile auch auf digitale Tools zugreifen. 2020 wurde mit »Mein Aldra« eine App eingeführt, die alle kaufmännischen Prozesse zwischen Aldra und den Fachhändlern abbildet. »Um die 40 Prozent unserer Kunden, insbesondere die Volumenträger, nutzen Mein Aldra bereits im Tagesgeschäft«, freut sich Michael Siegmann. Die App wird ständig weiterentwickelt: Mittlerweile können z. B. offene Rechnungen über das Portal eingesehen werden. Zukünftig soll es sogar möglich sein, Zahlungen direkt per Klick über die App auszuführen.

Ein weiterer Kundenservice ist der bereits 2006 in Meldorf eröffnete Aldra Marktplatz, eine große Fenster- und Türenausstellung, in der die Aldra-Produkte begreifbar gemacht werden. Der ­Marktplatz dient Endverbrauchern zur Information, aber auch Handwerksunternehmen können hier mit ihren Kunden vorbeikommen, um sie kompetent zu beraten. In der ­aktuell ­komplett neu gestalteten Ausstellung können die Produkte von Aldra in Augenschein genommen werden. In Wärme- und Schallschutzboxen werden u. a. die Unterschiede zwischen alten und modernen Verglasungen verdeutlicht.

Gerade bei der Energiebilanz von Fenstern herrscht laut Michael Siegmann noch Aufklärungsbedarf. Zwar könne ein Fenster nicht die Dämmwerte einer 30 cm dicken Hauswand erreichen, aber dafür generiere ein Fenster solare Zugewinne, die in die Gesamtrechnung mit einbezogen werden müssten. Dann sehe die Energiebilanz eines Fensters gleich viel besser aus. Um das Thema Gebäudehülle differenzierter zu betrachten, hat Aldra mit Verbänden und Unternehmen aus dem Bereich Glas, Fassade, Fenster und Sonnenschutz die Interessenvertretung Repräsentanz Transparente Gebäudehülle mit Sitz in Berlin ins Leben gerufen. Michael Siegmann unterstreicht, dass das heutige Kunststofffenster ohnehin bereits ein technisch kaum noch zu optimierendes Niveau aufweise. »Unsere Kunststofffenster erfüllen heute schon alle Anforderungen an Bauvorhaben mit Passivhausstandard«, betont Siegmann. Man könne längst alle gesetzlich geforderten Energieeinsparnormen aus dem Stand erfüllen.

Neue Oberflächen, neue Materialien

Wo gibt es dann noch ­Innovationspotenzial? Als Verarbeiter von Produktsystemen sei man natürlich von den jeweiligen Systemgebern abhängig, so Siegmann. Aber der Vertriebsleiter nennt durchaus einige Ideen, die in den nächsten Jahren umgesetzt werden könnten. Immer wichtiger werde das Thema Haptik und Optik, schon 60 Prozent aller Fenster heute sind farbig. In diesem Zusammenhang könnte man laut Michael Siegmann auch an Acrylcolor­oberflächen in Zukunft denken. Da sich der Trend nach immer größeren Fensterflächen in der Branche verfestigt hat, stellt sich laut Michael Siegmann auch die Frage nach neuen stabilisierenden Materialien: »Man könnte über Systeme nachdenken, die glasfaserverstärkt sind. Dadurch könnte man noch einmal andere Fenstergrößen abbilden.« Auch der Einsatz von Vakuumglas kann nach Ansicht von Siegmann neue Möglichkeiten eröffnen. ­»Dadurch würden die Gläser leichter werden, weil man keine Dreifachverglasung mehr benötigt.« So ließen sich ebenfalls größere Flächen bei gleichzeitig höherer Energieeffizienz umsetzen.

Mit nachhaltiger Energie kennt sich ­Aldra übrigens gut aus. Bereits 2012 wurde in Meldorf eine Solaranlage installiert. Mittlerweile erzeuge man mehr Energie als man verbrauche, so Siegmann. Und auch sonst investiert das Unternehmen Jahr für Jahr in seine Gesellschaften. Aktuell entsteht in Meldorf für rund 5 Mio. ­Euro ­eine neue digitale Fertigungslinie. Doch genauso gerne würde man bei Aldra auch wieder in die gewachsenen Kundenbeziehungen investieren. Wenn die Pandemie es zulässt, sollen die so beliebten Innovationstage 2023 erstmals seit 2020 stattfinden – und sich die ganze Aldra-­Familie in Meldorf zusammenfinden.   J

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