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Mein Ziegelhaus: »In der Summe seiner Eigenschaften einer der besten Baustoffe«

Als der Mittelstandsverband Mein Ziegelhaus 2005 gegründet wurde, machte der heutige Geschäftsführer Tristan Klein gerade Abitur. Seit 2019 steht der ausgewiesene Keramikexperte aus dem Westerwald an der Spitze des Verbandes – als Nachfolger von Hans R. Peters führt Klein den Verband mit einer gezielten technischen Produktentwicklung in die Zukunft. Nicht von ungefähr wurde der Sitz der Schaltzentrale ins keramische Herz Europas nach Höhr-Grenzhausen im Westerwald verlegt. Hier findet Tristan Klein das ideale Umfeld vor, um den Baustoff Ziegel immer weiter zu optimieren.

Von Peter Lang

»Der Ziegel ist ein Zehnkämpfer«, sagt Tristan Klein. »Ich bin überzeugt, dass der Ziegel für den Großteil der Bauvorhaben im Wohnungs- und Gewerbebau der beste Baustoff ist, wenn man die Summe seiner Eigenschaften betrachtet.« Der Geschäftsführer einer Dachorganisation mehrerer Ziegelwerke ist ein Mann, der es wissen muss. Tristan Klein hat sich mit dem Thema Ziegel in all seinen Facetten beschäftigt. Nach anfänglichem VWL-Studium wechselte Klein bald an den WesterWaldCampus der Hochschule Koblenz nach Höhr-Grenzhausen, um im Fachbereich Werkstofftechnik (Glas und Keramik) sein Diplom zu machen. »Meine Diplomarbeit hatte die Weiterentwicklung eines Ziegels zum Thema«, so Klein. Anschließend blieb er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule im Themenbereich feuerfeste Keramik.

»Der Ziegel ist in der Summe  seiner Eigenschaften einer  der besten Baustoffe.« Tristan Klein Geschäftsführer Mein Ziegelhaus

Praktische, unternehmerische Erfahrung erwarb Tristan Klein dann ab 2014 als Assistent der Geschäftsführung eines Ziegelwerks am Bodensee. Zusammen mit einem Geschäftspartner übernahm Klein das Werk im Jahr 2017 und strukturierte es komplett um. Kurz darauf gründeten die beiden ein Unternehmen, das sich mit Forschung im Bereich Baukeramik beschäftigt und zugleich Beratungsleistungen für die Ziegelindustrie anbietet. »Die Forschung ist einfach mein Steckenpferd«, betont Tristan Klein.

Umzug ins Keramikzentrum Westerwald

Kleins Expertise in der Baukeramik und die erfolgreiche Restrukturierung eines Ziegelwerks blieben in der Branche nicht unbemerkt – und so wurde der gebürtige Westerwälder für die Nachfolge von Hans R. Peters als Geschäftsführer der Dachorganisation Mein Ziegelhaus ausgewählt. Peters hatte den Verbund seit seiner Gründung im Jahr 2005 geleitet. Bereits 2007 konnte Mein Ziegelhaus mit der Entwicklung eines mit Mineralwolle-Dämmpads gefüllten Ziegels einen Meilenstein für die Ziegelindustrie setzen. Mit der Übergabe der Geschäftsführung von Hans Peters auf Tristan Klein Anfang 2019 zog Mein Ziegelhaus von Königswinter nach Höhr-Grenzhausen um. »Das Potenzial des Campus mit den kurzen Wegen zu vielen Forschungseinrichtungen und Laboren war der Hauptgrund für den Umzug«, betont Tristan Klein. Der Geschäftsführer hat sein Büro im CeraTec­Center (CTC), einem Technologie- und Gründungszentrum für keramische Werkstoffe, bezogen. Hier kann der »ideenreiche und hochbegabte Entwickler« – ein Zitat seines Vorgängers Hans Peters – am Ziegel der Zukunft arbeiten. Die technische Produktentwicklung sieht Klein als eine seiner Hauptaufgaben an. »Es geht darum, den Ziegel nach neusten Erkenntnissen weiter zu optimieren«, so Klein.

Dämmeigenschaften und Statik parallel optimieren

Angesichts immer strengerer Standards bei der staatlichen Förderung kommt der Dämmeigenschaft des Ziegels eine entscheidende Bedeutung zu. Gleiches gelte für die Stabilität, die insbesondere für den Geschosswohnungsbau wichtig sei, so Klein. »Die Herausforderung besteht darin, die Dämmeigenschaften und die statischen Eigenschaften des Ziegels gleichermaßen zu verbessern«, weiß ­Tristan Klein und erläutert die Zusammenhänge. Je wärmedämmender ein Ziegel, desto wahrscheinlich leichter und damit weniger stabil ist er gebaut. Gerade beim Geschosswohnungsbau komme es aber auch auf eine hohe Stabilität an. Die Antwort von Mein Ziegelhaus ist der kürzlich neu vorgestellte Ziegel »Thermoplan MZ75-G«: Mit einem Wärmeleitwert von 0,075 W / (mK) bietet er eine Wärmedämmung, die vor Kurzem nur für Einfamilienhäuser möglich war, bei gleichzeitig guten statischen Eigenschaften.


Die aktuelle Referenz im Einfamilienhaus bei Mein Ziegelhaus ist der »Thermoplan MZ65«. Mit seiner Verbindung aus gebranntem Ton und hochwertiger ­Glaswoll-Dämmung erreicht er eine Wärmeleitfähigkeit von nur 0,065 W / (mK). Damit eignet sich der Ziegel sogar für den energieeffizienten Bau von Passiv- und Nullenergiehäusern.

Zusammen mit den Technikern aus den angeschlossenen Ziegelwerken will Tristan Klein diese Entwicklung weiter vorantreiben. Generell müsse man bei einer Neu- oder Weiterentwicklung eines Ziegels von einem Zeitfenster von 12 bis 24 Monaten ausgehen. »Wir setzen uns zusammen und diskutieren: Was brauchen wir? Was verlangt der Markt?«, beschreibt Klein die Vorgehensweise. Müsse ein komplett neuer Ziegel entwickelt werden oder geht es um die Weiterentwicklung eines Bestands­produkts wie beim »MZ75-G«, der auf dem »MZ 80G« basierte? Sind diese Fragen geklärt, folgen die Aufträge an die Institute, muss Grundlagenforschung betrieben werden, bevor dann die ersten Prototypen angefertigt werden.

Vor der Markteinführung müssen diverse Prüfungen erfolgreich nachgewiesen werden – dazu werden Wandprüfkörper für Wärme, Statik und Brandschutz erstellt. Erst wenn diese Tests bestanden sind, kann der Ziegel in die Vermarktung gehen. Um die Entwicklungszeit zu verkürzen, nutzt Tristan Klein alle technischen Möglichkeiten. Ein aktuelles Beispiel: Zusammen mit einem Partner aus dem CeraTecCenter hat er für die Idee eines neuen Ziegels 3D-Drucktechnologie eingesetzt – und zwar, ­indem der 3D-­Drucker kleine Keramikkerne produzierte, die dann in bestehende Presswerkzeuge eingesetzt wurden. So konnte ohne großen zeitlichen und finanziellen Aufwand der neue Ziegel getestet werden, ohne ein komplett neues Presswerkzug herstellen zu müssen. Für das laufende Jahr hat Mein Ziegelhaus noch zwei weitere Neuheiten in der Schublade, wie Tristan Klein ankündigt.

Fachkräftemangel und Kostenexplosion

Neben der technischen Produktentwicklung hat der Geschäftsführer auch die unternehmerische Seite der Ziegelindustrie im Blick. Gerade den Fachkräftemangel sieht Tristan Klein als eine der größten Baustellen in der Branche: »Ich spreche hier nicht von Architekten oder Bauingenieuren, sondern von Verarbeitern und den Fachleuten, die die Ziegel in den Werken letztlich herstellen.« Auch hier ­biete der Standort Höhr-Grenzhausen Vorteile. »Durch die Vernetzung können wir gut auf Werkstudenten zurückgreifen, die dann später auch wirklich in der Ziegelindustrie landen.«

Ein weiteres Thema, das Klein Sorgen bereitet, ist die Kostensteigerung bei der Energie und den Baustoffen. Dabei sei die Entwicklung beim Ziegel im Vergleich zu einigen anderen Baustoffen aktuell noch moderat. Aber auch das könne sich ändern, zumal die Preise einiger Lieferanten deutlich gestiegen sind. Beim Thema CO2 Reduktion zeigt sich Klein zuversichtlich. »Seit vielen Jahren schon setzen unsere Werke ­Strategien zur ­Energieeinsparung und Emissionsminimierung erfolgreich um. Zudem haben wir in sehr kurzer Zeit eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die es ermöglichen, Ziegelrohbauten klimaneutral zu stellen – und zwar von der Rohstoffgewinnung über die Produktion bis zur Verarbeitung an der Baustelle.« Aktuell arbeitet man in der Mein Ziegelhaus Gruppe an einem Wasserstoff Forschungsprojekt und auch die Kreislaufwirtschaft steht ganz oben auf der Agenda.

Den Baustoff Ziegel sieht Klein gut aufgestellt. Als Naturprodukt, das regional hergestellt und verbaut wird, über einen sehr langen Lebenszyklus verfügt und technisch immer ausgefeilter wird. Um die vielen guten Eigenschaften der Ziegelbauweise wieder stärker in den Fokus der Zielgruppen – vom Investor über Bauherr, Planer und Verarbeiter – rücken zu können, dürfe man nicht nur technisches Marketing betreiben, sondern müsse auch wieder verstärkt auf Emotionen setzen. »Wir wollen multimedial zeigen, wie man großartige Bauprojekte mit einem traditionellen und zugleich hochmodernen Baustoff problemlos realisieren kann.«

Regional, mittelständisch, flexibel

Was das Thema Digitalisierung betrifft, hat Mein Ziegelhaus im vergangenen Jahr virtuelle BIM-Objekte seines gesamten Produktsortiments erstellt und veröffentlicht. BIM, kurz für Building Information ­Modeling, ermöglicht die digitalisierte Gebäudeplanung mit CAD-Software und ist vor allem bei öffentlichen Aufträgen heute schon oft eine Grundvoraussetzung. »BIM entwickelt sich stetig weiter und das Thema Digitalisierung im Bau wird sich immer mehr durchsetzen«, so Tristan Klein.

Es ist ein weiterer Baustein, um die Dachorganisation und seine angeschlossenen Ziegelwerke fit für die Zukunft zu machen. »Wir erleben gerade eine Marktkonsolidierung. Unsere Aufgabe ist es, uns so aufzustellen, dass wir auch gegen große Konzerne bestehen können.« Mit einer straffen Struktur, hoher Flexibilität, einer innovativen Produktentwicklung, koordinierter Forschungs- und Entwicklungsarbeit sowie gezielten Investitionen in die einzelnen Standorte habe man bei Mein Ziegelhaus die richtigen Weichen gestellt. Mit der aktuellen Geschäftsentwicklung ist Tristan Klein durchaus zufrieden. 2021 hätten die Mein Ziegelhaus-Partner auch davon profitiert, dass Konkurrenzbaustoffe extreme Preissprünge erlebt oder auch unter Lieferengpässen gelitten hätten. Alles in allem: Der regionale Baustoff Ziegel mit seinen Zehnkämpferqualitäten ist gerüstet für die Zukunft.   J­

Wissenswertes...

Mein Ziegelhaus ist eine 2005 gegründete Dachorganisation fünf verschiedener mittelständischer Ziegelwerke. Sie entstand in Folge der von Rezession und rückläufigen Baugenehmigungen geprägten frühen 2000er-Jahre. Mit gemeinsamer Forschung, Produktentwicklung und Vermarktung sollte die Marktposition der mittelständischen Unternehmen gestärkt werden.

Der Dachorganisation mit Sitz in Höhr-­Grenzhausen gehören zur Zeit die fünf Hintermauerziegel-­Hersteller Ziegelwerk Erbersdobler ­(Fürstenzell), ­Juwö Poroton-Werke (Wöllstein), Stengel Ziegel (Donauwörth), Ziegelwerk Lücking (Paderborn) und Zeller Poroton (Alzenau) sowie in Lizenz die Ziegelwerke Bellenberg und Klosterbeuren an. Die Gruppe beschäftigt in Summe ­etwa 400 Mitarbeiter und realisiert jährlich über 10 000 Bauprojekte.


Seit 2019 befindet sich Mein Ziegelhaus am Standort im CeraTecCenter in Höhr-Grenzhausen,  in unmittelbarer Nähe zum WesterWaldCampus.

 

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