Gebäudetyp E: Chance oder Risiko?

In unserer neuen Rubrik »Klartext« erhalten wichtige Branchengrößen und -kenner die Möglichkeit, sich zu einem aktuellen Thema der Bauwirtschaft zu äußern. In dieser Ausgabe dreht sich alles um den geplanten Gebäudetyp E: Mithilfe eines neuen Vertragsmodells will die Bundesregierung das Bauen einfacher, schneller und günstiger machen. Ob sich dieses Vorhaben in der Praxis bewähren wird und wie die konkrete Umsetzung aussehen soll, ist jedoch umstritten.

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Herzstück der Debatte ist der Gebäudetyp-E-Vertrag: Bauherr und Bauunternehmen sollen darin festhalten können, in bestimmten Punkten von bestehenden Standards abzuweichen, solange die bauordnungsrechtlichen Schutzziele eingehalten werden. Weg von aufwendigen Details, hin zu kompakten Grundrissen, robusten Materialien und seriellen Konzepten: So lautet das Versprechen, mit dem Planungs- und Bauprozesse vereinfacht und Kosten gesenkt werden sollen. Genau an dieser Stelle scheiden sich jedoch die Geister. Teile der Bauwirtschaft begrüßen die zusätzlichen Spielräume und sehen im Gebäudetyp E einen wichtigen Schritt hin zu mehr Pragmatismus. 

Andere Stimmen aus Branche und Verbraucherschutz warnen vor einem »Bauen light«, bei dem etwa Komfort-, Schall- und Effizienzstandards unter dem Druck der Baukrise aufgeweicht werden könnten – mit Problemen, die schon heute absehbar sind. Vor diesem Hintergrund haben wir sechs Branchenexperten gefragt: Ist der Gebäudetyp E die Chance auf einen sinnvollen Neustart im Wohnungsbau oder ein folgenschwerer Systemwechsel, der mit unnötigen Risiken verbunden ist? 
 

Einfach darf nicht beliebig heißen

Dass wir schneller und kosteneffizienter bauen müssen, ist unstrittig. Vor diesem Hintergrund ist der Gebäudetyp E ein überfälliger Impuls für den Wohnungsbau. Die Möglichkeit, von nicht sicherheitsrelevanten Standards abzuweichen, kann ein entscheidender Hebel sein, um die Baukrise zu überwinden. Doch Vereinfachung darf nicht zu Beliebigkeit führen. Komfort, Schallschutz und Energieeffizienz sind kein Nice-to-have, sondern Grundlagen für Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Wer hier zu stark kürzt, riskiert Folgekosten und mindert die Akzeptanz neuer Bauweisen. Meine Erfahrung ist, dass sich Wirtschaftlichkeit und Qualität nicht ausschließen. Im Gegenteil. Innovationen wie kreislauffähige Materialien, digitale Planung und modulare Systeme zeigen, dass beides zusammen möglich ist. Und genau darin liegt die Chance des Gebäudetyps E: Bürokratie abbauen, Innovation ermöglichen und gleichzeitig die Standards sichern, die für Qualität und Nachhaltigkeit entscheidend sind. Damit er zum Katalysator wird, braucht es klare Leitplanken. Und es braucht den Mut, Bürokratie abzubauen, ohne neue Hürden auf Länderebene zu schaffen. Nur so entsteht Vertrauen in eine Bauweise, die nicht nur schneller, sondern auch zukunftsfähig ist. Mein Appell: Nutzen wir die Chance für mehr Tempo und weniger Vorschriften und sichern gleichzeitig die Standards, die für Sicherheit, Werthaltigkeit und Nachhaltigkeit entscheidend sind. Nur so wird aus »einfach« auch »zukunftsfähig«.

Bauwende braucht Vereinfachung – und starke Dachlösungen

Der Gebäudetyp E ist keine theoretische Reformidee, sondern eine überfällige Korrektur eines aus dem Gleichgewicht geratenen Bauwesens. In Deutschland ist Bauen zunehmend durch eine Normen- und Regelungsdichte geprägt, die weit über das Ziel der Gefahrenabwehr hinausgeht. Technische Standards wurden schleichend zu zwingenden Vorgaben, Haftungsfragen zu Innovationsbremsen. Der Gebäudetyp E stellt dieses System erstmals grundsätzlich infrage. Nicht jede Norm bedeutet automatisch Qualität, und verantwortungsvolle Abweichungen müssen möglich sein, wenn die zentralen Schutzziele der Bauordnungen – insbesondere Standsicherheit, Brand- und Gesundheitsschutz – eingehalten werden. Der Gebäudetyp E kann Kosten senken, Bauprozesse beschleunigen und Innovationen ermöglichen. 

Er wird jedoch zum Problem, wenn er als Sparinstrument statt als verantwortliches Werkzeug missverstanden wird. Die Initiative Steildach e.V. hat diese Diskussion frühzeitig aufgegriffen. Bereits am 20. November 2023 wurde der Gebäudetyp E im Rahmen der Eventreihe »RooftopTalks« in München intensiv thematisiert. Im Fokus stand dabei das Steildach als konstruktiv einfaches, langlebiges und ressourceneffizientes Bauelement. Auch im Dachbereich zeigt sich, wie durch Reduktion, klare Konstruktionen und handwerklich präzise Details Qualität gesichert, Kosten gesenkt und neue Spielräume für zukunftsfähiges Bauen geschaffen werden können. Zahlreiche Praxis- und Forschungsprojekte auch auf den Kommunikationsplattformen der Initiative im Web und auf Social Media unter »Dachkult« belegen, dass einfaches Bauen nicht mit einem Verlust an Baukultur gleichzusetzen ist. Im Gegenteil: Vereinfachung eröffnet neue Chancen für Nachhaltigkeit, Dauerhaftigkeit und bezahlbaren Wohnraum.

Aus Sicht der Initiative Steildach ist der Gebäudetyp E kein Bruch mit Qualität, sondern ein überfälliger Schritt hin zu einem realistischen, verantwortungsvollen und zukunftsfähigen Bauen in Deutschland.

Startpunkt mit Weiterentwicklungspotenzial

Der Gebäudetyp E ist ein wichtiger Schritt, um das Bauen in Deutschland wieder einfacher, schneller und wirtschaftlicher zu machen. Seit Jahren hemmt uns eine wachsende Normenfülle, in der Komfort- und Ausstattungsstandards oft wie unverrückbare Mindestanforderungen behandelt werden. Dabei braucht es mehr Freiheit für praxisgerechte, funktionsorientierte Lösungen – ohne die grundlegenden Schutzziele wie Standsicherheit, Brand- oder Gesundheitsschutz zu gefährden. Genau hier setzt Typ E an: Er gibt erfahrenen Bauakteuren mehr Gestaltungsspielraum, ohne die Basis des sicheren Bauens aufzuweichen. Richtig umgesetzt, kann er Innovation ermöglichen, Haftungsängste reduzieren und den Blick wieder auf das Wesentliche lenken. Als führender Hersteller von Poroton-Ziegeln und Poroton-Systemwänden mit integrierter Dämmung sehen wir darin eine große Chance. Ziegel stehen seit jeher für klare Bauphysik, hohe Robustheit und echte Nachhaltigkeit. Komplexe, schadensanfällige Außenwandlösungen sind überflüssig – ebenso wie viele der bisher notwendigen Arbeitsschritte. Die monolithische Ziegelbauweise zeigt, dass hohe Anforderungen an Schall- und Wärmeschutz erfüllt werden und bereits heute kostengünstig und nachhaltig gebaut werden kann.

Dessen ungeachtet braucht es klare und abgesicherte Rahmenbedingungen für Planer und Ausführende, denn gerade in zivilrechtlicher Hinsicht bleiben Fragen offen. Wir wollen den neuen Gebäudetyp positiv begleiten und als Impuls nutzen: Nehmen wir ihn als Startpunkt mit Weiterentwicklungspotenzial. Wenn der Gesetzgeber nun klare Leitplanken setzt und Komfortnormen konsequent von Sicherheitsanforderungen trennt, kann Typ E zum Motor für bezahlbares, verlässliches und nachhaltiges Bauen werden. Mein Blick nach vorn: Der Gebäudetyp E öffnet keine Tür zu »Bauen light«, sondern zu einem Bauen mit gesundem Augenmaß sowie zu eigenen Entwicklungschancen – und das ist genau der Impuls, den unsere Branche jetzt braucht.

Raum für die Entwicklung innovativer Lösungen

Der geplante Gebäudetyp E ist Ausdruck einer realen Problemlage: Bauen in Deutschland ist komplex, teuer und vielfach überreguliert. Insofern ist der Ansatz, rechtssicher mehr Spielräume zu schaffen und vom »Alles-oder-nichts-Prinzip« normativer Standards wegzukommen, grundsätzlich zu begrüßen. Entscheidend ist aus unserer Sicht jedoch: Vereinfachung darf nicht mit geringerer Qualität verwechselt werden.

Die Sorge vor einem »Bauen light« nehmen wir ernst. Genau hier sehen wir aber auch die Chance des Gebäudetyps E: weg von pauschalen Vorgaben, hin zu intelligenten Lösungen. Moderne Bauchemie ermöglicht Systeme, die mehrere Funktionen kombinieren, einfacher zu verarbeiten sind und gleichzeitig hohe technische Leistungsfähigkeit sowie Nachhaltigkeit sicherstellen. Modulbau zum Beispiel bringt Flexibilität und Tempo auf die Baustelle, bei gleichbleibender Produktqualität.

Sika verfügt hier über eine große Palette an Lösungen und zusätzlichem Know-how in der industriellen Fertigung. Im Stahlbetonbau kann der Einsatz unserer Polymerfasern die typische Stahlbewehrung verringern oder sogar ersetzen und Bauteile dünner und leichter machen. So lösen sich Standards nicht komplett auf, sondern erfüllen auf effizientere Weise ihr Ziel – und sparen dabei sogar Ressourcen und somit CO2 ein.

Für uns schafft der Gebäudetyp E Raum für die Entwicklung und den Einsatz innovativer, nach-haltiger Lösungen. Voraussetzung ist ein verantwortungsvoller Umgang aller Beteiligten mit der neuen Leitlinie – und die Überzeugung, dass einfacheres Bauen auch mit hohen Qualitätsanforderungen einhergehen kann. 

Vereinfachung ja – aber mit Augenmaß

Der geplante Gebäudetyp E greift ein zentrales Problem auf: Bauen muss wieder einfacher, wirtschaftlicher und schneller werden. Das ist angesichts steigender Kosten und hoher regulatorischer Anforderungen dringend notwendig. Aus unserer Sicht kann dieser Ansatz funktionieren – allerdings nur, wenn Vereinfachung nicht mit einer Absenkung der Bauqualität gleichgesetzt wird. Gerade massive Mauerwerksbauweisen zeigen, dass Wirtschaftlichkeit, Dauerhaftigkeit und Komfort kein Widerspruch sind. Bimssteine verbinden eine robuste, langlebige Konstruktion mit sehr guten bauphysikalischen Eigenschaften. Sie sind mineralisch, formstabil und bewährt über Jahrzehnte hinweg. Diese Dauerhaftigkeit ist ein wesentlicher Beitrag zur Nachhaltigkeit – denn Gebäude, die lange funktionieren, sind am Ende die wirtschaftlichsten. 

Ein weiterer zentraler Punkt ist der Schallschutz. Wohnqualität wird maßgeblich durch Ruhe bestimmt. Bimssteine bieten aufgrund ihrer Masse und inneren Struktur sehr gute Schalldämmeigenschaften – ohne zusätzliche aufwendige Konstruktionen. Gerade in Zeiten dichter Bebauung und wachsender Nutzungskonflikte ist das kein Komfortmerkmal, sondern ein entscheidender Faktor für Akzeptanz und Wertbeständigkeit von Wohnraum. Der Gebäudetyp E darf deshalb nicht zu einem »Bauen light« führen, bei dem kurzfristige Einsparungen zu langfristigen Problemen führen. Vielmehr sollte er gezielt auf bewährte, robuste Bauweisen setzen, die Planung vereinfachen, Ausführungssicherheit bieten und gleichzeitig hohe Gebrauchstauglichkeit gewährleisten. Massive Bimsbauweise ist hierfür ein gutes Beispiel. Vereinfachung ja – aber mit Augenmaß, Verantwortung und Blick auf den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes.

Wohnungen zweiter Klasse dürfen nicht entstehen

Der Wunsch, Bauen einfacher, schneller und leistbarer zu machen, ist nachvollziehbar. Bürokratische Auflagen treiben die Kosten, was Wohnungsnot und hohe Mieten verschärft. Besonders in Deutschland entsteht der Eindruck, dass manche Regelungen mehr der Verwaltung als dem Nutzen dienen. Maßnahmen zur Entbürokratisierung sind daher grundsätzlich positiv.

Der Gebäudetyp E ist jedoch bisher nicht definiert, und viele Experten fragen sich, wie die Umsetzung konkret aussehen wird. Meine größte Sorge betrifft eine schleichende Absenkung des energetischen Standards. Manche sprechen von angeblich übertriebener Dämmung, dabei macht Dämmung nur einen kleinen Teil der Baukosten aus, spart aber über Jahrzehnte enorme Mengen Energie und Geld. Die günstigste Energie ist jene, die man nicht benötigt – ökologisch wie ökonomisch.

Werden Standards aus kurzfristigen Gründen gesenkt, zahlen Bewohner langfristig deutlich höhere Heizkosten. Zudem sind zentrale rechtliche Fragen ungeklärt, und es ist keineswegs sicher, dass Einsparungen tatsächlich an Käufer oder Mieter weitergegeben werden. Wohnungen zweiter Klasse dürfen nicht entstehen. 

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