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Juli 2016

Männer mit weißen Kleinlastern


Wie bereits in den Jahren zuvor ist auch in 2016 das Thema Energieeffizienz bzw. Energieeinsparung der führende Trend in der Baubranche. Darüber hinaus werden das nachhaltige Bauen sowie die verschärften EnEV-Anforderungen die Branche auf Trab halten, so die Vorabergebnisse einer zentralen Branchenstudie von BauInfoConsult. Im Rahmen der jährlichen Trendstudie des Düsseldorfer Marktforschungsinstitutes wurden 180 Architekten nach den wichtigsten aktuellen Entwicklungen gefragt, die aus ihrer Sicht 2016 die deutsche Bauwirtschaft prägen werden. Auffallend ist allerdings, dass nur wenige der Befragten davon ausgehen, dass die aktuelle Flüchtlingssituation deutliche Effekte auf die Baubranche ausüben wird. Die Planer scheinen offensichtlich die Migration nicht als Herausforderung für den Baubetrieb hierzulande zu sehen, wenngleich die mediale Überhitzung dieses Themas dies nahelegen könnte.
Nicht nur die Marktforscher, auch Baustoffhersteller und Baustoffhandel haben indes eine weitere, das Szenario prägende Veränderung erkannt_ denn die lange Zeit unterschätzten und mit einer gewissen Überheblichkeit registrierten Kleinstbetriebe gewinnen immer mehr an Bedeutung. Auch wenn die Hersteller nach wie vor den Fachhandel beim Vertrieb ihrer Waren als den dominierenden Distributionskanal sehen, so kommen sie doch an der neuen Zielgruppe der zumeist werkstattlosen, mobilen Generalisten – umgangssprachlich auch als »WhiteVanMen« bezeichnet – nicht vorbei. Schaut man zur Klärung dieser englischen Wortneuschöpfung mal kurz bei Wikipedia nach, wird man zum einen darüber aufgeklärt, dass es sich hierbei um den Titel einer englischen TV-Sit-Com handelt, zum anderen beschreibt dieser Begriff wenig schmeichelhaft und stereotyp die Lenker dieser Fahrzeuge als Kleingewerbetreibende, die im Verkehr überwiegend durch ihr rüpelhaftes Verhalten auffallen. Was auch immer das Netz an fragwürdigen Definitionen bereit hält – eins ist klar_ Die umtriebigen Jungs mit ihren weißen Kleinlastern sind schwer im Kommen, und das nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch in unseren Breitengraden.
Fakt ist_ die Marktposition der Kleinstunternehmen und Ein-Mann-Betriebe am Bau ist zurzeit größer denn je. Denn wenn es nur um neues Parkett oder einen neuen Anstrich geht, geht der Auftrag nicht unbedingt zu einem großen, zumeist teureren Anbieter, sondern immer häufiger zu dem kleinen »Handwerker um die Ecke«, so die Marktforscher. Ein-Mann-Handwerksbetriebe rücken so für Handel und Hersteller als wichtiges Kundensegment immer stärker in den Fokus. Das Erstaunliche dabei ist, dass zwar die Größe des Segments einigermaßen klar ist;  doch über das Profil und die Gewohnheiten dieser durchaus relevanten neuen Zielgruppe herrscht in weiten Teilen (noch) Unwissenheit.
Traditionell gilt der Mittelstand im Handwerk als der klassische Partner für Handel und Hersteller. Aber mit den altbewährten – man könnte auch sagen_ eingefahrenen –  mittelständischen Handwerksstrukturen haben wir es bei den kleinen Betrieben nur bedingt zu tun_ Häufig sind die Projekte kleiner, teilweise haben die Kleinstunternehmen nicht einmal eine eigene Werkstatt und sind extrem flexibel und mobil. Nicht zuletzt sind spätestens seit der Änderung der Handwerksordnung 2004 die Gewerkegrenzen durchlässiger geworden. Was dazu führt, dass gerade Kleinstbetriebe mittlerweile immer häufiger Dienstleistungen für unterschiedliche Gewerke anbieten, sozusagen – und vom Endkunden durchaus gewünscht – »alles aus einer Hand«. Und was sie da machen, das hat oftmals mit ihrem eigentlichen »Kerngeschäft« nicht mehr viel zu tun. Vor kurzem haben wir an dieser Stelle einen gelernten Maler und Lackierer vorgestellt, der neben Tapezier- und Malerarbeiten auch Fliesen- und Bodenbeläge aller Art verlegt und darüber hinaus ein Fachmann auf dem Gebiet der Fassadensanierung ist. Der Mann genießt in der Region einen exzellenten Ruf, erfreut sich voller Auftragsbücher und ist über Monate hinweg ausgebucht. Dies alles hat nichts mehr mit dem viel geschmähten »Pfuschertum« zu tun oder den – immer wieder gern zitierten – durchs Land vagabundierenden, miserabel ausgebildeten Kolonnen aus dem Osten, die in der Regel nur Chaos hinterlassen.
Auch das Produkt- und Einkaufsverhalten dieser »neuen Spezies« unterscheidet sich stark von dem »Mittelständler alter Schule«: so hat daher auch der »WhiteVanMan« mit dem »bösen Wort DIY« überhaupt keine Probleme. Aufgrund seiner Mobilität und Flexibilität ist auch seine Bindung an einzelne Händler weniger stark ausgeprägt: nicht zuletzt wegen seiner bevorzugten Akquise kleinerer Projekte im Auftrag für private Wohnungseigentümer oder Vermieter ist der Endkunde hier bei der Materialwahl deutlich stärker eingebunden, häufig auch direkt der Käufer.
Fazit_ An der Handwerkerfront sind gravierende Veränderungen im Gange. Zulieferer und Handel sollten darauf mit den gebotenen Maßnahmen reagieren, um hier den Anschluss nicht zu verpassen.

Herzliche Grüße

Gerd Rottstegge

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