Deklaration, Ausführung, Delta-U-Zuschlag: Wo müssen Planer besonders genau hinschauen?
Baune: Entscheidend ist es, frühzeitig die Vorgaben aus der allgemeinen Bauartgenehmigung zu prüfen. Dort sind Konstruktionen, zulässige Aufbauten, anzusetzende Bemessungswerte der Wärmeleitfähigkeit und auch Empfehlungen zur Windsogbemessung hinterlegt. Planer sollten die Optionen immer projektbezogen mit dem Hersteller der XPS-Dämmstoffplatten abstimmen. Das verhindert spätere Ausführungsprobleme.
Retentionsdächer sind ein Trend, gerade in urbanen Gebieten. Lassen sich Retention und Umkehrdach kombinieren?
Baune: Ja, das funktioniert sehr gut. Dabei regelt die Drossel am Ablauf, wie viel Wasser zeitverzögert abgeführt wird. Das entlastet die Kanalisation und sorgt gleichzeitig für eine zusätzliche Pflanzenbewässerung. Ein begrüntes Umkehrdach darf maximal 48 Stunden überstaut werden. Wir empfehlen, darauf zu achten, dass die Stöße des Umkehrdachvlieses »WA« fachgerecht dauerhaft verklebt wurden.
Im Bestand taucht häufig die Frage auf, ob ein Umkehrdach auf ein Warmdach aufgesetzt werden darf?
Baune: Nicht nur »darf«, es ist technisch gesehen sogar eine sehr interessante Lösung. Das sogenannte Duo- oder Plus-Dach kombiniert die vorhandene Dämmebene mit einer zweiten Lage XPS, um den Wärmeschutz weiter zu verbessern. Voraussetzung ist natürlich eine funktionstüchtige oder erneuerte Abdichtung. Wichtig sind auch die bauphysikalischen Nachweise, wie Feuchtigkeits- und Wärmeberechnungen, sowie die statische Beurteilung der zusätzlichen Lasten.
Niewöhner: Der Vorteil dieser Variante resultiert aus dem Material, denn XPS ist ein geschlossenzelliger Stoff und kann daher kein Wasser aufnehmen. Ein diffusionsoffener Aufbau oberhalb der Wärmedämmung muss jedoch zwingend vorhanden sein, damit das Wasser, was sich unterhalb der Wärmedämmung als Wasserdampf bilden kann, durch die Wärmedämmung diffundieren kann. Der umlaufende Stufenfalz, mit dem die Dämmplatte ausgestattet ist, sorgt für eine homogene Dämmebene. Sollte eine Platte jedoch durchfeuchtet werden, dann bleibt ihr Dämmwert weitgehend erhalten und sie trägt weiterhin zum Wärmeschutz bei. Das haben Studien gezeigt.
Immer wieder wird die Gefällebildung diskutiert. Ist ein gefälleloses Dach mit einer Begrünung überhaupt zulässig?
Niewöhner: Ja. Und dies wird auch in gängigen Regelwerken behandelt. Gefällelose Dächer gelten nicht mehr als Sonderkonstruktion. Man unterscheidet aber zwischen nicht genutzten und genutzten Dachflächen beziehungsweise zwischen extensiver und intensiver Begrünung. Je nach Nutzung ändern sich die Planungs- und Ausführungsgrundsätze. Grundsätzlich muss die Dachabdichtung für die jeweilige Nutzung gebrauchstauglich sein, um dem Dach eine lange Lebensdauer zu ermöglichen. Gerade bei der Wasserrückhaltung ist ein gefälleloses Dach natürlich von Vorteil. Dann kann das Regenereignis oder sogar das Starkregenereignis gänzlich gespeichert werden. Bei Bedarf kann selbstverständlich zusätzlich abflussverzögert abgeleitet werden.
Immer mehr Photovoltaikanlagen werden mit begrünten Umkehrdächern kombiniert. Worin liegen die Vorteile?
Niewöhner: Die Energiewende findet auf dem Dach statt und das Umkehrdach bietet dafür optimale Bedingungen. Die massiven Tragkonstruktionen aus Stahlbeton und die vorgeschriebene Ballastierung mit Kies, Platten oder Begrünung ergeben zusammen eine sehr stabile, brandsichere Basis und sie können das Gewicht von PV-Anlagen mühelos tragen. Für PV-Anlagen wiederum bedeutet das eine stabile Aufständerung, geschützte Kabel und Wechselrichter sowie einen wirksamen Beitrag zum vorbeugenden Brandschutz. Und weil die Abdichtung unter der Dämmung liegt, ist sie dauerhaft vor UV-Strahlung, mechanischer Belastung und extremen Temperaturwechseln geschützt. Das verlängert ihre Lebensdauer erheblich und sichert damit auch die Wirtschaftlichkeit der aufgesetzten PV-Anlage.
Baune: Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass eine entsprechende Norm, die DIN 18199, aktuell zu diesem Thema in der Erarbeitung ist.
Stichwort: Auffeuchtung der XPS-Dämmung. Ist das ein Problem aus der Vergangenheit?
Baune: Ja, denn frühere Schadensfälle waren meist auf fehlende oder falsch ausgeführte Dampfsperren zurückzuführen. Durch Diffusion konnte Feuchtigkeit in die Platten gelangen, was sie schwer machte und statische Probleme verursachte. Wer heute nach Regelwerk plant und ausführt, hat dieses Risiko praktisch nicht mehr.
Niewöhner: XPS-Dämmplatten werden grundsätzlich in Langzeitversuchen geprüft, in der Regel drei Winter und drei Sommer lang. Eine gewisse Wasseraufnahme ist normativ erlaubt und daraus resultiert auch die deklarierte Wärmedämm-eigenschaft. Das heißt also im Umkehrschluss: Im trockenen Zustand haben die XPS-Dämmplatten bessere Lambda-Werte als ausgewiesen und bestellt.
Was bedeutet das nun zusammengefasst? Auf was sollten Planer und Ausführende bei begrünten Umkehrdächern unbedingt achten?
Baune: Ein begrüntes Umkehrdach ist kein Hexenwerk. Planung und Ausführung sind klar geregelt, von der Flachdachrichtlinie über die FLL-Dachbegrünungsrichtlinie bis hin zu den DIBt-Bauartgenehmigungen. Wer sich daran hält, erhält eine dauerhaft funktionsfähige Konstruktion.
Niewöhner: Ganz genau. Ein begrüntes Umkehrdach ist robust, wirtschaftlich und nachhaltig – und aufgrund der Sortenreinheit eine zukunftsfähige Bauweise. Wichtig sind sauber ausgeführte Details, diffusionsoffene Schichten und eine auf das Projekt abgestimmte Lastplanung.