Baustoff Partner

Ausgabe September 2015

 

Schnelle Lösungen sind gefragt

Das große Thema dieser Tage, Wochen und Monate, das die Medien beherrscht und die Griechenlandkrise fast gänzlich aus dem Bewusstsein der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt hat, ist das ergreifende Flüchtlingsdrama, das mit all seinen Konsequenzen auch die Baubranche vor neue Herausforderungen stellt.
Denn den Schätzungen zufolge werden bis zum Jahresende etwa 800 000 Flüchtlinge in unser Land kommen. Angesichts der rasant wachsenden Zahlen derer, die verzweifelt auf der Suche nach Frieden, einer neuen Heimat und neuen Perspektiven sind, steht der deutsche Wohnungsmarkt vor einer gigantischen Aufgabe. Dabei ist heute die Frage noch völlig offen, wo denn der Großteil dieser Menschen in Zukunft wohnen kann. Seit mehreren Jahrzehnten steht der soziale Wohnungsbau bei Bund und Ländern auf der Prioritätenliste nicht gerade ganz oben. Dass wirkungsvolle Impulse für bezahlbares Wohnen fehlen, kritisiert daher auch das Verbändebündnis Sozialer Wohnungsbau. Das Verharren in Untätigkeit werde sich nun rächen, so die Prognose des Zusammenschlusses von zwölf Organisationen und Verbänden der deutschen Bau- und Immobilienbranche – unter ihnen der Bund Deutscher Baumeister, der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel, der ZDB sowie der Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden, um nur einige zu nennen.
Diese haben eine Studie beim renommierten Hannoveraner Pestel-Institut in Auftrag gegeben, die herausfinden soll, wie groß das aktuelle Wohnungsdefizit ist. In der Hochphase des Flüchtlingszuzugs ermittelt das Institut in der akuten, extrem verschärften Wohnungssituation den aktuellen und mittelfristigen Wohnungsbedarf in Deutschland. Wie erwartet, kamen die Wissenschaftler der Studie »Sozialer Wohnungsbau« zu dem Schluss, dass die derzeitige Wohnraum-Bedarfsprognose des Bundes völlig neu berechnet und deutlich nach oben korrigiert werden muss.
»Eine schnelle Lösung« fordert die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU): Die Bundesregierung müsse umgehend sicherstellen, dass für Flüchtlinge menschenwürdige Wohnungen geschaffen würden, denn eine Unterbringung in Zelten bis in den Winter hinein sei eine Zumutung für die Menschen, die in unserem Land um Schutz ersuchen.
Die Politik ist daher in der Pflicht, den Bau von festen Wohnungen zu beschleunigen. Dazu braucht es eine enge Zusammenarbeit von Bund und Ländern. Welche Bauvorschriften auf Bund- und Länderebene in dieser Notsituation ausgesetzt werden könnten, um möglichst schnell genügend Wohnungen zu bauen, müsse eine »Ad-hoc-Arbeitsgruppe« prüfen. Dennoch dürfen jetzt nicht überhastet halbfertige Baracken, Behelfsquartiere oder Blechcontainer entstehen, mit denen man nach Ende der Fluchtbewegungen nichts mehr anfangen kann. Die Unterkünfte müssen von vornherein so gebaut werden, dass sie anschließend mit geringem Umbauaufwand als Sozialwohnungen oder altengerechte Wohnungen weiter genutzt werden können, so der Vorschlag der IG BAU. Neben dem Staat sollen sich dabei auch private Initiativen einbringen. »Für Investoren muss der Bau von Wohnungen gerade im Niedrigpreis-Segment deutlich attraktiver werden, damit sie nicht nur in Häuser für Flüchtlinge, sondern insgesamt in dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum investieren«, so der Lösungsvorschlag. Der richtige Weg dorthin führe über eine höhere steuerliche Abschreibung, zumindest für den Bau von preisgünstigem Wohnraum mit variabler Nutzungsmöglichkeit. Wie dieser (Dauer)-Wohnraum möglichst rasch und in guter, dauerhafter Qualität realisiert werden kann, dafür haben herstellende und verarbeitende Branchenunternehmen bereits zukunftsfähige Vorschläge unterbreitet – Stichwort: Standardisierung und Vorfertigung –, die entscheidend dazu beitragen könnten, das anstehende Wohnproblem zu entschärfen.

Herzliche Grüße

Gerd Rottstegge